Freie Waldorfschule Bremen Touler Strasse

Kunstfahrt 2021

mit Sabine Peter und Gamal Ragab

Die diesjährige Kunstfahrt nach Griechenland stand unter einem wackeligen Stern. Man kann sagen, bis zum Tag unserer Abreise. Vieles in den vergangenen 18 Monaten ordnete sich den behördlichen Auflagen zur Bekämpfung der Pandemie unter und erst eine Woche vor Ultimo öffneten diese uns die Tür zu unserer Studienreise. Das hat uns alle sehr gefreut.

Wie gewohnt legten wir die ersten 1.500 Kilometer in einem Reisebus zurück, gemeinsam mit den 12t-Klässlern der Freien Waldorfschule Kiel. Beide Gruppen unterzogen sich einen Tag zuvor einem PCR-Test und erwarteten ihre Ergebnisse im Laufe der Fahrt über die A7 auf dem Weg zu unserem Etappenziel Ulm, wo ein erster Fahrerwechsel stattfinden würde. Um 13:30 Uhr erhielten wir die erhoffte Nachricht „alle negativ“, und ich muss zugeben, bis dahin lag eine spürbare Spannung in der Luft, die sich nun unter lautem Jubel, in selbige auflöste. Nun galt es die vor uns liegende Strecke ohne größere Verzögerungen zurückzulegen und darauf zu vertrauen, dass weder Staus noch die Technik uns einen Strich durch die Rechnung machen würden. Erstere hielten sich tatsächlich in Grenzen, unser brandneuer Doppelstockbus gab allerdings pünktlich zum Fahrerwechsel eine blinkende Warnmeldung im Cockpit zum Besten, der nun nachgegangen werden musste. Kurz: nach zwei mitternächtlichen Aufenthalten in MAN-Fachwerkstätten und zwei Stunden später, wurde zuerst ein Ventil zur Steuerung des Ed-Blue Adaptives und später die dazugehörige Leitung gereinigt. Unser Zeitfenster zum Erreichen der Autofähre in Ancona war zwar geschrumpft aber nicht gefährdet und so gingen wir pünktlich am nächsten Tag an Bord des Transportgiganten, mit seinem Fassungsvermögen von über 600 Fahrzeugen und 1.600 Passagieren.

Spätestens hier wurde allen die Exklusivität dieser besonderen Fahrt bewusst, eine Adriadurchquerung stand in den vergangenen Schuljahren nicht auf dem Stundenplan, wir schauten in strahlende Gesichter. Das Schiff war nicht voll besetzt, die Klassen verteilten sich auf die Oberdecks oder in die klimatisierten Pullman-Räume, wo sie ihre Nachtlager aufschlugen. Wir pflügten mit 22 Knoten durch die ruhige See und erreichten 24 Stunden später das rund 500 Seemeilen entfernte Patras. Von hier aus ging es mit dem Reisebus weiter in unser Ressort, welches wir am dritten Tag gegen späten Nachmittag erreichten. Mit im Bus unser Koch Christian, der in Ulm zu uns stieß, um uns über die Zeit kulinarisch zu verwöhnen. Ich glaube, das ist ihm zur Zufriedenheit aller bestens und reichhaltig gelungen. Danke dafür!

Unser erster Arbeitstag war der inzwischen vierte Tag unserer Reise. Die Klasse teilte sich in zwei Gruppen auf, um in den folgenden acht Tagen wahlweise zu malen bzw. zu zeichnen oder alternativ einen Marmorstein zu bearbeiten. Dabei gab es ab 8 Uhr in der Früh bis abends um 21.30 Uhr ein stramm getaktetes Programm, bevor die Schüler und Schülerinnen in ihre Freizeit entlassen wurden.

Ein gemeinsames Frühstück im Gemeinschaftspavillon läutete den Tag für alle ein. Die Sonne schaute zu diesem Zeitpunkt bereits über die Bergkuppen auf der anderen Seite des Tals, Nebelschwaden lösten sich zwischen Zypressen und Olivenbäumen auf. Ein schönes Motiv, das später noch häufiger gemalt werden sollte.

Um 9 Uhr begann der erste Arbeitsteil, die Gruppe teilte sich auf in Maler*innen und Bildhauer und arbeitete nun getrennt voneinander. Das Mittagessen um 12:30 bestand zumeist aus kreativem Upcycling des reichlichen Abendessens vom Vortag, Brot einer ansässigen Dorfbäckerei und frischem Obst wie Nektarinen, Melonen oder Apfelsinen. Und Wasser. Reichlich Wasser! Dieses wurde täglich in großen Kanistern aus einer Quelle in der Nähe abgefüllt und uns eisgekühlt mit Zitrone serviert. Bei 40 Grad im Schatten eine mehr als willkommene Erfrischung.

Nach dem Mittagessen blieb ein bisschen Zeit um sich frisch zu machen, um dann gemeinsam nach Kato Samiko an den Strand zu fahren. Abfahrt 14:00 Uhr, nicht 14:01 Uhr. Erstaunlich wie pünktlich Menschen sein können. Ob das auch geklappt hätte, wenn statt Badestrand Deutsch oder Physik auf dem Lehrplan gestanden hätte? Hier zeigte sich das Handy mit seiner von der Atomuhr generierten Uhrzeit als äußerst hilfreich für alle Prokrastinier*innen. Nicht so beim Wiedereinstieg in die zweite Arbeitsphase. Nach zwei Stunden Wellness unter azurblauem Himmel, im glasklaren Wasser der Adria, schien das switchen hier etwas schwerer zu fallen. Ein Ruhepuls hatte sich eingestellt und der Magen sendete Signale. Dies galt es unter Bezwingung des uns innewohnenden Mischwesens zu überwinden.

Doch einmal begonnen, trieben die Schüler ihre Eisen nun beständig in den Marmor, Schatten breiteten sich auf dem Bildhauerplatz aus, geworfen von haushohen Pinien, bewohnt von Myriaden taktgebender Zikaden (welche im Übrigen tatsächlich irgendwann zwischen 3 Uhr Nachts und 7 Uhr Morgens mit ihrem Konzert pausieren). So entstanden im Laufe der Zeit acht Skulpturen von sehr unterschiedlichem Naturell. Dabei gab es keine zwingenden Vorgaben für die Metzen, lediglich Futternäpfe, Vogeltränken und Aschenbecher sollten möglichst vermieden werden. Es entstanden ein Tigerkopf, ein Bärenkopf, ein Schlangenkopf und ein Fischkopf als Vertreter der Fauna, der Mensch war Vorbild für ein Steinporträt sowie einen Torso, der im direkten Abgleich zum durchtrainierten Körper eines Mitschülers entstand. Zwei abstrakte Werke rundeten die Arbeiten ab. Erwähnenswert hier: die Schüler suchten sich ihre Steine unter hunderten aus, schleppten sie mit Muskelkraft die Anhöhe zum Bildhauerplatz hinauf, setzten sich zeichnerisch mit dem Brocken auseinander und begannen dann mit ihrer Arbeit. Ein Stein und sechs Nettoarbeitstage Zeit. Hier verbarg sich für den Schaffenden ein ihm noch unbekanntes Risiko. Marmor ist tatsächlich steinhart, aber leider nicht unzerbrechlich. In diese Auseinandersetzung gelangten manche nach weit vorangeschrittener Arbeit. Was futsch ist, ist futsch (Stan Laurel). Gerade beim Bildhauen vertieft sich der Mensch leicht in seine Vorstellung, welche er dem Stein abzuringen gedenkt und vergisst dabei, dass es sich um ein Wechselspiel zwischen ihm und dem Stein handelt. So kehrt sich der Prozess mitunter um und der Künstler erfährt eine Veränderung am eigenen Leibe, auch er wird gestaltet. Innerlich!

Während wir also staubbedeckt und handschuharmiert den Stahlhammer schwangen, nutzten die Pinselschwinger*innen das weitläufige Gelände und die „malerische Umgebung“ für Studien mit den verschiedenen Materialien, Werkzeugen, Techniken und Motiven. Zu zweit oder ganz alleine saßen sie konzentriert an ihren Malbrettern und waren nicht selten beeindruckt von ihren eigenen Werken. Ich war es auf jeden Fall! Ohne pathetisch sein zu wollen, sehe ich hier Jahr für Jahr die Ernte einer lehrreichen aber auch freilassenden und ichstärkenden Zeit an unserer Schule.

In meiner Ausbildung zum Fachlehrer für Waldorfpädagogik in Ottersberg bekam ich hiervon einen ersten Eindruck, den ich stets bei mir trage, wenn ich mit den Schüler*innen arbeite. Auf der einen Seite der Tafel hingen Bilder von Vorschulkindern. Sie zeigten allesamt das gleiche Motiv: Haus, Baum, Mensch und Sonne. Mal mehr, mal weniger ausgeschmückt, Wachsmalzeichnungen die zeigten, ob die Kreide in der Faust oder mit Fingern gehalten wurde. Auf der anderen Seite der Tafel hingen Zeichnungen mit hochdifferenzierten technischen Details aus einer Architekturepoche. Wir schauten die Bilder wechselweise an, bis uns unsere Dozentin mit einem Satz überraschte: „Die Zeichnungen links entstanden in den Tagen noch vor Antritt in ihr späteres Schulleben und die Zeichnungen rechts, sind von denselben Schüler*innen, zwölf Jahre später. Und wir Lehrer*innen dürfen sie auf ihrem Weg dorthin begleiten!“ Als Unterstufen- und Mittelstufenlehrer ist genau das mir immer eine Freude gewesen und ich darf einmal im Jahr erleben, wie aus „den Kleinen“ inzwischen „Experten für ihr eigenes Leben“ geworden sind.

Nun könnte ich noch so vieles erzählen über „unsere Kunstfahrt“, doch es soll ja noch etwas übrigbleiben für die nächste Klasse. Und wenn sie doch noch mehr erfahren möchten, können sie in unserem Foyer die Vielfalt der Ergebnisse mit eigenen Augen betrachten und mit ein bisschen Glück vielleicht die eine oder andere Schüler*in direkt ansprechen.

Gamal Ragab